Myanmar: Im Lungi und mit Flip Flops, die Glockengießer von Mandalay

Weltweit werden Glocken schon seit Jahrtausenden gegossen. Das heute noch gebräuchliche Verfahren geht in westlichen Ländern auf das 16. Jahrhundert zurück. Dabei ist der Glockenguss eine Kunst, die immer noch von Hand ausgeübt wird auch in Europa. Aber natürlich hat sich in den Bereichen Sicherheit und Technik doch vieles geändert. Heute werde ich Euch eine Geschichte erzählen die unglaublich klingt, aber ich habe sie selber gesehen, die Glockengießer im Lungi und mit Flip Flops....

Im Lungi und mit Flip Flops

Leider wird dieses alte Handwerk in Mandalay nur noch von fünf Familien ausgeübt. Mit einfachsten Mitteln wie sie heutzutage in westlichen Ländern unvorstellbar sind, werden hier in dieser Gießerei von U Mg Myint in Mandalay noch ca.150 Glocken pro Jahr in vielen Größen hergestellt. Das alleine ist schon ungewöhnlich genug, denn der Glockenguss ist nur was für absolute Spezialisten und weder einfach noch ungefährlich. Aber das unglaubliche sind die einfachen Umstände unter denen hier hochwertige Glocken hergestellt werden.

Die beiden Brüder Phyo Mq Mq 28 Jahre und Pyae Phyo Mq 23 Jahre alt sind die Meister. Und dann sind da noch die Helfer, diese Jungs sind zwischen 8 und 20 Jahre alt und sie hantieren mit der 1100 Grad heißen Bronze im Lungi und mit Flip Flops als wäre es ein Kinderspiel. Mir stehen die Haare zu Berge, oh mein Gott das kann nur schiefgehen dachte ich des öfteren, aber alles klappte wie am Schnürchen, angeblich hat es auch noch nie einen Unfall gegeben.

Die Vorbereitungen

Phyo Mg 28 Jahre und sein Bruder Pyae Phyo Mq 23 Jahre alt benötigen zur Herstellung einer Glocke eine dreiteilige Form, bestehend aus Kern, falscher Glocke und Mantel. Der Kern, der dem Inneren der Glocke entspricht, wird aus Lehm gemischt mit Spreu und verschiedenen Lehmschichten hergestellt. Die falsche Glocke, (Modellglocke), muss genau der späteren, noch zu gießenden Bronzeglocke entsprechen. Sie besteht aus Talg und Wachs, die Zier wird auch in Wachs aufgetragen.

Vor der Herstellung des Mantels streicht Phyo Mg zunächst einen feinen, dann immer gröberen Lehm auf die falsche Glocke, so dass sich die Zier im Mantel abdrücken kann. Der Mantel muss den imensen Druck aushalten, der während des Gießens auf ihn einwirkt. Der Hohlraum zwischen Kern und Mantel ergibt dann die richtige Glocke. Zum Abschluss werden die Gussformen dann in den Boden eingegraben um dem Druck der flüssigen und 1100 Grad heißen Bronze auszuhalten.

Der Guss

Nein ich will nicht, nicht schon wieder denke ich, es ist doch erst 5:30 Uhr. Aber es muss sein, denn in aller Frühe werden die Schmelzöfen angefeuert, damit die Bronze, die aus 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Zinn besteht, schmilzt. Hat die Bronze die gewünschte Temperatur von zirka 1100 Grad Celsius erreicht, kann der Guss beginnen.

Wenn die rot glühende Bronze aus dem Ofen gescheffelt wird, Rauch aufsteigt und Gase verbrennen und die Bronze aus den verschiedenen Gusskanälen heraus quillt hat der Glockenguss seinen Höhepunkt erreicht.

Wie kann man das nur aushalten, es ist heiß, so muss es in der Hölle sein denke ich, es qualmt und stinkt erbärmlich aber die Flip Flop Boys sind in ihrem Element. Mit einer Engelsgeduld bringen sie die 1100 Grad heiße Bronze zu den einzel eingegrabenen Glocken und ja sie singen bei der Arbeit.

Die Befreiung, Ferigstellung und Kauf unserer Glocke

Die gegossenen Glocken müssen noch einen Tag im Boden auskühlen, bis die Jungens sie aus dem Boden ausgraben und aus dem Mantel herausbrechen können. Dann wird die neu geborene Glocke von den Gusskanälen befreit, gereinigt und bemalt. Schön sind sie geworden und diese Prachtstücke werden bald in vielen Tempeln in Myanmar oder in Südostasien ihren Dienst verrichten.

Natürlich haben wir uns auch eine Glocke gießen lassen, nach unserer vierzehntägigen Rundreise durch Myanmar ist unsere Glocke fertig. Wir waren dabei als unsere Glocke geboren wurde, klasse ist sie geworden und auch der Klang ist so wie er bei Glocken sein soll, himmlisch halt. Nun graut uns schon vor dem Transport nach Deutschland, denn die kleine wiegt schon 17 kg, danke Phyo Mq Mq.

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Kommentare: 4
  • #1

    Axel aka Blaufotograph (Dienstag, 23 Dezember 2014 19:04)

    Hallo Familie Schriddels,

    danke für den tollen & lebendigen Bericht. Darf ich fragen wie Sie die Glocke nun nach Deutschland bekommen haben ?

    Gern können Sie mir auch eine Email senden. Die Mail-Adresse finden Sie dann bitte auf meiner Homepage.

    Mit freundlichen Grüßen

    Axel aka Blaufotograph

  • #2

    Nicolas (Dienstag, 05 Juli 2016 20:53)

    Ein sehr schöner Bericht über ein verhältnismäßig sehr unbekanntes Land und ein (wie ich vermute) noch unbekannteres Handwerk; kann mich auch nur noch marginal an Mandalay erinnern (war vermutlich 8 oder 9 Jahre alt), vielen Dank für Deine sehr bildlich beschriebenen Einblicke!

    LG

    Nicolás

  • #3

    Reinhard von Otegraf (Freitag, 26 August 2016 20:28)

    Lieber Herr Schriddels,
    ich war nun schon das Zweite mal in Myanmar und immer in einer Reisegruppe. Leider hat keiner der angeblichen Reiseleiter diese Glockengießer in Flip Flops gezeigt, schade. Danke für diesen tollen Blog, Sie sollten mal mit einer kleinen, feinen Reisegruppe nach Myanmar reisen, meine Frau und ich wären sofort dabei.

    LG Von Otegraf

  • #4

    Susanne Weihrauch (Sonntag, 15 Januar 2017 09:21)

    Ich bin es noch mal, dieses ist der zweite Bericht den ich mir angeschaut habe und auch den finde ich spanend. Ganz anders als der mit den Bären, wie kommt Ihr zu den Themen, oder finden die Themen euch wenn man so lange auf reisen ist? Seit ihr wirklich schon so lange auf der Reise?
    Susanne Weihrauch