Weltradeltour 4. Teil (2010 - 2011) Kurzfassung von Wilfried & Gisela Hoffman

2006 wurde uns klar: Wir können noch sooft – wenn auch so untypisch anders – Urlauben, ein schnelles Ende ist dabei leider immer in Sicht. Wie viele Menschen auch, so vertrösteten wir uns gedanklich auf das noch ferne Rentenalter. Durch den frühen Tod unserer Väter wurde uns aber schnell bewusst, was mit erhofften Träumen urplötzlich geschehen kann. Eigentum verpflichtet! Wir verkauften viel von unseren geliebten Eigenheiten. Nach 6 Monaten war die unendlich erscheinende Liste abgearbeitet und die Reise konnte beginnen.

Weltradeltour 4. Teil

Beim Start unserer Weltradeltour waren wir zusammen schon 101 Jahre alt. Zum Glück war dies aber unseren Drahteseln egal. Wir hatten aber schon einige Radelerfahrungen aus vorher pedalten Touren. 2003 waren wir für 4 Wochen im Jemen unterwegs. Damals war radeln dort noch irgendwie möglich. 2004 besuchten wir unseren Sohn in Sri Lanka. Er war selbst 2003 von Deutschland aus in die weite Welt per Radel gestartet. Gemeinsam pedalten wir für 4 Wochen durch die herrliche Tropeninsel. Erst Jahre später reifte dann unser Entschluss die große Radelwelttour selbst zu wagen. Wir wollten unseren Sohn, sozusagen am Ende der Welt besuchen. 2007 war es endlich so weit. Wir hatten Martin versprochen zu kommen, allerdings würde es etwas länger dauern, denn mit den Rädern zu Besuch bis nach Neuseeland, dauert halt etwas länger. Aus diesem Versprechen wurde dann letztendlich unsere 4 jährige Tour um die Welt.

Ein Fazit unserer Reise: ,,Bei all den Erlebnissen über die vier Jahre wurde uns immer bewusster, wie kurz unsere Zeit auf diesem Planeten ist und wie klein und unwichtig wir doch eigentlich sind. Zwei radelnde Sandkörner in Raum und Zeit…‘‘


Jordanien

Von Amman aus flitzen wir zum Toten Meer runter. Macht echt Spaß, denn es flitzt sich von ca. 2000 Höhenmetern auf fast 400 m unter null Radel-flott. Nach den Salzwasserspielereien ohne Untergangsgefahr quälen wir uns allerdings über viele Haarnadelkurven wieder rauf. Als Dankeschön   liegt der Königsweg auf 2000 m Höhe vor und unter uns. Er führt uns an der Felsenstadt Petra vorbei und verliert sich in den Weiten des Wadi Rum. Am Roten Meer bringt uns eine Fähre auf den Sinai.


Ägypten – Sinai

In den Wadis vom Sinai nehmen wir Abschied von unseren geliebten Wüsten. Es ist Dezember 2010. Die Nächte in der Wüste sind wieder bitterkalt. Wir beleben zwangsweise unsere Zeltbodenheizung. Viel Holz ist dafür nötig. Unsere Radel sind deshalb zeitweise Holzradeltransporter.

Im überbevölkerten Nildelta und Alexandria erleben wir die Vorboten des Arabischen Frühlings. Erst in Alexandria kommt das Gefühl von erwünschter, geordneter Unordnung zurück. Wir merken sofort, die Stadt hat was, sie gefällt uns. Während der Alexandria-Weihnachtsfeiertage wohnen wir in einer kleinen von Kopten geführten Pension.


Zypern

Wir beradeln auf gut 500 km beide Teile der Insel. Der türkische Inselteil gefällt uns besser, denn alles wirkt irgendwie ursprünglicher, einfacher, sympathischer auf uns. Die geteilte Hauptstadt erinnert uns nur bedingt an Berlin, denn die ehemals so gewaltige Berliner Mauer ist hier nur ein Mäuerchen, eine Grenze aus Hauswänden und Verbotsschildern an ungefährlich erscheinenden Zäunen. Bizarr, komisch und weltfremd mutet der Ruf zu Gott an, denn über die luftige Grenze hinweg vermischen sich die Gebetsrufe und das Glockengeläut zu einer allabendlichen Göttergemeinschaft. Mit einer Fähre schippern wir nach Mersin in der Osttürkei.


Türkei

Wir sind froh den nahen Europa noch ein zeitliches Schnäppchen zu schlagen. Über 1500 km pedalen wir bis Marmaris, dabei geht es immer entlang der türkischen Südküste. Egal, wie das Wetter auch ist, ob es nun regnet, die Sonne scheint oder gar Hagelkörner uns zu Pausen zwingen, die Gebirgskette des mächtigen Taurus ist uns eine treue Begleiterin. Egal wo wir ankommen, immer ist ein Teil des Gebirges schon da. Das verschlafene Tasucu, der Burgberg von Alanya, das Ausgrabungsfeld von Side, die Felsengräber von Myra  und auch die verspielte Ortschaft Kas sind für uns besonders hübsche Perlen einer superlangen Perlenkette.


Griechenland

In Marmaris besteigen wir die Fähre zur griechischen Insel Rhodos. Von Insel-Radel-hüpfen haben wir schon öfters geträumt. Auf Kos erleben wir Starkwindtage. 8 bis 10 beträgt die Windstärke. Wir müssen uns gedulden, denn kein Schiff mag gegen die Wellen kämpfen.

Unsere Geduld wird auf Santorin belohnt. Der weiße Kranz der Inselhäuser, das schwarze, graue und rote Farbenspiel der Abbruchkanten und das ewig blau erscheinende Meer bilden eine Symbiose von unvorstellbarer Schönheit.

In Piräus holt uns Europa wieder ein. Griechenland steht vor dem Konkurs. Kein schöner Empfang für uns Heimkehrer. Auf der Fähre von Patras nach Venedig rückt die Heimat stückchenweise immer näher.


Italien - Österreich - Deutschland

In Venedig geben wir in 3 Tagen das Geld aus, welches in manch anderen Ländern 1 Monat lang gereicht hat. Nach den Tagen der Venedig-Muse pedalen wir über die Alpen. Wir nächtigen wieder öfters im Zelt. Wir versuchen auch die letzten Tage unserer Tour rauszuschieben. Über Salzburg treffen wir in München ein. Unsere 3 Münchner Freundinnen überschütten uns mit viel gewohnter Herzlichkeit. Über Nürnberg, Bamberg pedalen wir Tage später nach genau 48.110 km in Sonneberg ein. Nach 4 Jahren schließen wir unsere Familie und Freunde in die Arme.


Kurze Schlussgedanken - drei Wochen später

Während unserer 4 jährigen Radeltour um die Welt hatte ich selbst nie einen Termin bei einem Arzt. Nach 3 Wochen in Deutschland holen mich jedoch Bauchschmerzen ein. Es ist aber keine Magenverstimmung. Ein Pole untersucht mich in der Notaufnahme. Ein Rumäne gibt mir die Narkose und ein deutscher Arzt schnippelt mir den Blinddarm raus. Das Leben ist irgendwie verrückt!

Noch immer sind wir nicht richtig in Deutschland angekommen, denn Deutschland hat sich verändert. Und auch wir haben uns verändert. Wir sind weit sensibler für die Probleme der Welt geworden. Wir sind aber auch sensibler für die Schönheiten der Welt geworden.

Monate später

Gis geliebtes Welt-Radel wird in Sonneberg geklaut.  Es ist bis zum heutigen Tag spurlos verschwunden.

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